28. Mai 2026

Diversity Days 2026 – Beyond Normal: Neurodivergenz im Hochschulkontext Diversity Days 2026 – Beyond Normal: Neurodivergenz im Hochschulkontext

Die diesjährigen Diversity Days der Universität Bonn fanden am 18. und 19. Mai 2026 unter dem Motto “Beyond Normal: Neurodivergenz im Hochschulkontext” statt. Besondere Beachtung fanden die im medialen Kontext breit diskutierten neurologischen Spektren Autismus und ADHS. Neben diesen wurde auch auf andere Erscheinungsformen und ihre Herausforderungen im universitären Leben eingegangen.

Grußwort von Prof. Dr. Irmgard Förster
Grußwort von Prof. Dr. Irmgard Förster © Barbara Frommann / Universität Bonn
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Für die Eröffnung der Veranstaltung trat Prof. Dr. Irmgard Förster, Prorektorin für Chancengerechtigkeit und Diversität, nach vorne. In ihrem Grußwort ging sie auf den Titel der Veranstaltung ein und hinterfragte, was “Normal” überhaupt bedeute, wer dies bestimme und was man entdecken könne, wenn wir über das, was als „Normal“ gilt, hinausgehen. “Insgesamt wissen wir alle noch viel zu wenig über Neurodivergenz und wie inklusive Arbeits- und Studienbedingungen für neurodivergente Menschen aussehen können. Daher sollen die Diversity Days mit den beiden Veranstaltungstagen heute und morgen zu den Themen Neurodivergenz, ADHS und Autismus aufklären, sensibilisieren und mit Workshops für Studierende und Lehrende konkrete Hilfestellungen für den Alltag geben.”, betonte Förster.

Um die Diversity Days so neurodivergenzfreundlich wie möglich zu gestalten, gab es in den Veranstaltungsräumen alternative Sitzmöglichkeiten sowie Möglichkeiten zum Stimming, Bewegen, Raum verlassen und Nutzen von Fidget-Toys. Ebenfalls war zu jeder Zeit ein Awareness Team anwesend. Durch den Tag führte Céline Bartholomaeus (Kritik & Kreppband), die durch eine lebendige, diskriminierungssensible und fachlich versierte Moderation die unterschiedlichen Beiträge miteinander verknüpfte und Fragen aus dem Publikum einfließen ließ.

Was ist eigentlich Neurodivergenz?

Zur Einführung in das Thema der Diversity Days hielten Maren Frank, Diversity Trainerin und Heilpraktikerin für Psychotherapie und Jessica Stazzone Manazza, Diversity Trainerin und Coach sowie queer-migrantische Aktivistin, einen Vortrag zu Neurodivergenz im Spannungsfeld zwischen Pathologie, Paradigmenwechsel und Inklusion. In diesem hinterfragten sie die Bedeutung von “Normal” und erklärten den Unterschied zwischen Neurodiversität und Neurodivergenz: Während Neurodiversität die Vielfalt aller neurologischen Funktionsweisen meint, bezieht sich Neurodivergenz auf die individuellen Abweichungen innerhalb des Spektrums. Im weiteren Verlauf wurden diese Konzepte unter den Aspekten Diagnose, Barrieren für neurodivergente Personen und Teilhabe im Bildungs- und Hochschulkontext betrachtet. Dabei kritisierten sie eine defizitorientierte Sprache und die dadurch entstehende Stigmatisierung im Umgang mit neurodivergenten Personen. Zum Schluss lieferte der Vortrag ein zweiseitiges Fazit, da die akademische Bildung neurodivergente Menschen strukturell benachteilige, ihnen jedoch ebenso viele Freiheiten böte. Als Ausblick wurden Vorschläge für eine verbesserte Neuroinklusion genannt.

ADHS im Erwachsenenalter

Anschließend widmete sich der Vortrag von Prof. Dr. Alexandra Philipsen (Direktorin der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Bonn) einer klinischen Perspektive auf ADHS im Erwachsenenalter. Zentrale Themen waren das Diagnoseverfahren und die Folgen von ADHS, sowie die Ursachen für die seit einigen Jahren steigende Anzahl der von ADHS betroffenen Mädchen und Frauen. Dabei ging Prof. Philipsen insbesondere auf die Diagnostik im Erwachsenenalter ein und veranschaulichte im Rückbezug auf Studien die Wirksamkeit einer medikamentösen Therapie. In Anbetracht der behavioralen Prägung von ADHS widmete sie sich den möglichen Vorteilen einer Anpassung der Lebensführung: Rituale, körperliche Aktivität, Achtsamkeit sowie Rücksichtnahme auf die eigene Umwelt könnten, neben einer psychotherapeutischen Begleitung, allesamt unterstützend im Umgang mit ADHS-Symptomen sein.

Autismus an der Hochschule

Als Ergänzung zu dem Vortrag über ADHS setzte sich Beccs Riley, Gründer*in von Minzgespinst und DEIB Consultant*, mit der Session “Superkraft, Subklinik, Studium” zu Autismus im Studium auseinander. Beccs verdeutlichte weshalb eine Einordnung und Benennung als Autismusspektrum so wichtig sei und was dies für den subklinischen Bereich bedeute. Vor allem kritisierte es die geringfügige Ausstattung der Hochschulbildung für autistische Gehirne, die anders funktionieren als allistische und nannte Vorschläge für eine bessere Inklusion.

Austausch von Erfahrungen

Zum Abschluss des ersten Veranstaltungstages fand um 18 Uhr ein Netzwerktreffen für wichtige Stakeholder des Prorektorats und der Stabsstelle der Chancengerechtigkeit und Diversität an der Universität Bonn statt. Am zweiten Tag trugen Workshops für Lehrende und Beratende, sowie für Studierende zu einer Vertiefung des Wissens über Neurodivergenz statt. Hierbei konnten eigene Handlungsmöglichkeiten für die Veränderung bestehender Strukturen reflektiert werden und die Teilnehmenden miteinander in den Austausch kommen.

Gemeinsam mit Beccs Riley startete der erste interaktive Workshop zum Thema “Autismus im universitären Kontext: Andere Betriebssysteme, gleiche Berechtigung”. In diesem lernten die Teilnehmenden mehr über autistische Wahrnehmungen und erarbeiteten gemeinsame Lösungsansätze zur besseren Barrierefreiheit im Studium. Ebenfalls wandte sich der Workshop den Stärken von Neurodivergenz zu, welche interaktiv und praxisnah empowernde Momente schafften.

Der zweite Workshop des Tages “Wenn Kommunikation entlastet: Autismussensibel im Hochschulkontext” von Alexandra Harth richtete sich an Beratende und Lehrende der Uni Bonn. Zentrales Thema des praxisnahen und perspektiverweiternden Workshops war die neurosensible Kommunikation. “Autistische Menschen erleben die Hochschule nicht zuerst als Ort des Lernens, sondern als Ort der Anpassung”, erklärte Harth. Daraufhin wandte sie sich der Erweiterung des Bewusstseins über Autismus zu und klärte auf, was Autismus bedeutet sowie welche Symptome auftreten können. Zur besseren Darstellung der Wahrnehmung von Personen mit Autismus gab sie den Teilnehmenden Übungen zu typischen Missverständnissen und Reizverarbeitungen. Am Ende wurden gemeinsam Lösungsansätze gesucht, um den Hochschulkontext inklusiver zu gestalten.

Jetzt reden Wir!

Abschließend fand eine Lesung des Vereins “Disability and Mad Pride Bonn” durch die Herausgebenden, sowie zwei der Schriftsteller*innen aus dem Buch “Behindert und Verückt – Jetzt reden Wir!” statt. Ganz im Sinne des Mottos der UN-Behindertenrechtskonvention “Nichts über uns ohne uns” ging es darum, die Perspektive von Menschen mit Behinderung und ihren Herausforderungen im Alltag ins Zentrum zu rücken. In ausgewählten Beiträgen kamen Personen zu Wort, die über ihr Leben, ihre Erfahrungen, über Ableismus und Community schrieben. Nach jedem Beitrag wurde die Runde für Nachfragen und Diskussionsanregungen eröffnet. Zur Schlussbemerkung trat die Leitung der Stabsstelle für Chancengerechtigkeit und Diversität, Annabelle Krause-Pilatus, nach vorne, um sich bei allen Teilnehmenden der Diversity Days zu bedanken.

Maren Frank und Jessica Stazzone Manazza im Gespräch mit einer Teilnehmer*in
Maren Frank und Jessica Stazzone Manazza im Gespräch mit einer Teilnehmer*in © Barbara Frommann / Universität Bonn
In einer Pause zwischen zwei Vorträgen; ein Begleithund liegt auf einer Matte
In einer Pause zwischen zwei Vorträgen; ein Begleithund liegt auf einer Matte © Barbara Frommann / Universität Bonn
Prof. Dr. Alexandra Philipsen bei ihrem Vortrag
Prof. Dr. Alexandra Philipsen bei ihrem Vortrag © Barbara Frommann / Universität Bonn
Die Herausgebenden und zwei der Schriftsteller*innen lesen aus dem Buch “Behindert und Verückt – Jetzt reden Wir!”
Die Herausgebenden und zwei der Schriftsteller*innen lesen aus dem Buch “Behindert und Verückt – Jetzt reden Wir!” © Barbara Frommann / Universität Bonn
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